Was du über dysfunktionale Atemmuster wissen musst
Der Mensch atmet seit Hunderttausenden von Jahren – doch das Wissen über funktionale Atmung, Atemmechanik und stressbedingte Atemdysfunktionen steckt noch in den Kinderschuhen.
Und nur weil die Atmung automatisch passiert, heißt es nicht, dass sie optimal ist. (Besonders hinsichtlich der Veränderungen unserer Lebensbedingungen.)
Dabei ist die Atmung weit mehr als nur ein Mittel zur Sauerstoffaufnahme – sie beeinflusst unsere Haltung, reguliert unser Stresslevel und spielt eine zentrale Rolle in der emotionalen Verarbeitung.
Doch wenn Breathwork nicht an individuelle Bedürfnisse angepasst wird, kann es bestehende Atemmusterstörungen sogar verstärken.
Um Breathwork wirklich transformativ zu nutzen, braucht es daher eine tiefere Auseinandersetzung mit der Wissenschaft hinter der Atmung.
Das machen wir heute (zumindest im Ansatz) im Rahmen dieses Artikels.
Wie hat die Evolution unsere Atmung beeinflusst?
Der menschliche Atemapparat ist einzigartig, und das hat viel mit unserer Evolution zu tun. Der Wechsel vom vierbeinigen zum zweibeinigen Gang hat nicht nur unsere Bewegungsabläufe verändert, sondern auch tiefgreifende Auswirkungen auf unsere Atmung gehabt.
Durch die aufrechte Haltung veränderte sich die Beziehung zwischen Zwerchfell und Beckenboden, die Funktion der Atemmuskulatur und die Art, wie unser Nervensystem mit der Atmung interagiert.
Zudem ist unsere Atmung stärker mit der Sprache verknüpft als bei anderen Säugetieren – wir nutzen den Atem nicht nur zur Lebenserhaltung, sondern auch zur Kommunikation.
Diese Entkopplung von rein metabolischen Bedürfnissen macht den menschlichen Atemprozess komplexer – und anfälliger für "Störungen".
Wie beeinflussen Gedanken und Emotionen unsere Atmung?
Und: Allein unser Denken und Fühlen kann unser Atemmuster verändern. Studien mit Elektromyographie zeigen, dass sich Gesichts- und Kiefermuskeln aktivieren, sobald wir gedanklich intensiv arbeiten. Diese Mikroanspannungen haben direkte Auswirkungen auf den Vagusnerv, den Trapezmuskel und unser gesamtes Atemsystem.
Das bedeutet:
Dauerhafte mentale und emotionale Anspannung – sei es durch Stress, Sorgen, endloses Grübeln oder unverarbeitete Emotionen und Trauma – führt langfristig zu dysfunktionalen Atemmustern.
Warum atmen wir im modernen Leben so schlecht?
Und: Viele Menschen heutzutage „atmen schlecht", weil sie sich permanent in einem Zustand mentaler Überaktivität befinden, während ihr Körper sich in einer Umgebung bewegt, die evolutionär nicht für ihn gemacht ist.
Bewegungsmangel, stundenlanges Sitzen, künstliches Licht, digitale Überstimulation und hochverarbeitete Nahrungsmittel – all das trägt dazu bei, dass sich unser Atemrhythmus immer weiter von dem entfernt, wofür unser Körper eigentlich gemacht ist. Wir leben in einer Umgebung, die nicht zu unserer Evolution passt – und unsere Atmung leidet mit.
Die Mismatch-Theorie: Moderne Lebensweise vs. Biologie
Die sogenannte „Mismatch-Theorie" beschreibt, wie sich unser moderner Lebensstil negativ auf unsere biologischen Grundfunktionen auswirkt – und die Atmung ist keine Ausnahme.
Welche dysfunktionalen Atemmuster gibt es?
Viele Menschen ahnen nicht, dass sie sich über Jahre hinweg unbewusst eine ungünstige Art zu atmen angewöhnt haben.
Tatsächlich gibt es eine Reihe an bekannten dysfunktionalen Atemmustern, die weit verbreitet sind.
Die häufigsten Atemmuster-Störungen im Überblick
Zu den häufigsten gehören:
Flache Brustatmung – Bei dieser Form der Atmung werden vor allem Nacken- und Brustmuskeln genutzt, während das Zwerchfell kaum aktiviert wird.
Paradoxe Atmung – Hierbei zieht sich der Bauch beim Einatmen zusammen, anstatt sich auszudehnen, was auf eine tieferliegende Dysregulation hinweist.
Hyperventilation – Chronisches Überatmen führt zu einem Ungleichgewicht im CO₂-Haushalt und kann langfristig gesundheitliche Probleme verursachen.
Mundatmung – Wer häufig durch den Mund atmet, vermindert die Produktion von Stickstoffmonoxid und führt zu Überatmung, was die Sauerstoffaufnahme im Körper deutlich verschlechtert.
Diese Muster sind keine Zufälle, sondern meist das Ergebnis jahrelanger Anpassungen an Stress, Trauma oder ungünstige Umweltbedingungen.
Wie kann ich mein Atemmuster nachhaltig verbessern?
Um die natürliche Atemfunktion wiederherzustellen, braucht es einen ganzheitlichen Ansatz, der nicht nur auf bewusste Atemübungen setzt, sondern auch mentale und körperliche Aspekte integriert.
Die drei Meta-Ebenen für nachhaltige mentale und physische Gesundheit
1. Funktionales Breathwork: Gezielte Atemtechniken
Gezielte Atemtechniken helfen dabei, dysfunktionale Atemmuster zu optimieren und die Atemmechanik neu auszurichten. Besonders wirkungsvoll sind z.B.:
Aktive Bauchzwerchfellatmung, um die tiefe Atemmuskulatur zu aktivieren.
Kohärenzatmung mit reduzierter Atmung, um das Nervensystem auszugleichen und die CO₂-Toleranz zu trainieren.
Verlängertes Ausatmen, um das Nervensystem in einen parasympathischen Zustand zu bringen.
2. Verkörperung & Körperbewusstsein: Emotionen im Körper wahrnehmen
Der Körper speichert Emotionen, und diese äußern sich oft als körperliche Spannungen, lange bevor sie uns bewusst werden. Verkörperung bedeutet, nicht nur über den Körper nachzudenken, sondern ihn tatsächlich zu fühlen.
Ein Beispiel:
Angst beginnt oft nicht als bewusster Gedanke, sondern als subtile körperliche Anspannung. Wer lernt, diese frühen Signale wahrzunehmen, kann eine komplette Stressreaktion abfangen, bevor sie eskaliert. Diese Fähigkeit, auch als Interozeption bekannt, ist ein Schlüssel zur emotionalen Regulation.
3. De-Konditionierung und innere Integration: Alte Muster auflösen
Die Wechselwirkung zwischen Gedanken, Emotionen und Atmung ist enorm. Wer seine Atemmuster dauerhaft verändern will, muss auch die eigenen inneren Programmierungen hinterfragen und gespeicherte Traumata integrieren. Ohne ein bewusstes Umtrainieren emotionaler und mentaler Reaktionen bleibt der Körper in gewohnten Stressmustern gefangen.
Warum braucht es einen trauma-informierten Ansatz beim Breathwork?
Breathwork wird oft als schnelle Lösung verkauft – ein paar bewusste Atemzüge hier, eine kurze Meditation dort. Doch wenn tieferliegende Traumata den Atem bereits auf unbewusster Ebene beeinflussen, reicht das nicht aus. Wahre Heilung erfordert einen trauma-informierten Ansatz, der den Atem als Spiegel des Nervensystems versteht.
Unverarbeitetes Trauma verändert Atemmuster nachhaltig und kann den Körper in einem Zustand chronischer Alarmbereitschaft halten. In solchen Fällen reicht es nicht, einfach „besser zu atmen". Vielmehr muss der Atem als Werkzeug genutzt werden, um das Nervensystem schrittweise zu regulieren und um Kapazität zu schaffen, um alte Muster aufzulösen.
Fazit: Bewusst atmen, bewusst leben
Atmung ist weit mehr als ein automatischer Prozess – sie ist ein zentrales Element für Gesundheit, emotionale Regulation und innere Balance.
Doch nur, wer versteht, wie die eigene Atmung funktioniert und welche Muster sie beeinflussen, kann langfristig Veränderungen bewirken.
Lerne, deinen Atem bewusst einzusetzen, statt ihn einfach passieren zu lassen.
Denn wie du atmest, beeinflusst, wie du dich fühlst – und wie du lebst!
Dysfunktionale Atemmuster auflösen mit Intesoma
Wenn du dein Atemmuster verbessern und trauma-sensibel mit deinem Atem arbeiten möchtest, begleiten wir dich gerne dabei. Im Intesoma® Breathwork Online Studio findest du sowohl funktionale Atemübungen zur Regulation als auch tiefere transformative Sessions – alles angeleitet von erfahrenen Breathwork-Trainerinnen mit umfassender Ausbildung in Somatic Experiencing® und NARM®.